Schemnitz (Slowakei)

Schemnitz (Wikipedia)


Schemnitz ist einer der letzten weißen Flecken auf der studentengeschichtlichen Landkarte. Vom Hörensagen wissen Interessierte, daß es da irgendeinen Bezug zur Montanistik gibt. Aber da man den Namen nicht einmal auf einer Landkarte findet, legen es gar nicht so wenige der Einfachheit halber gleich mit Chemnitz zusammen. Auf der Landkarte muß man nach Banska Stiavnica suchen, und das liegt in der Slowakei. Und wer eine alte Karte hat, findet auch diesen Ort nicht und muß Selmeczbanya suchen, denn bis 1919 gehörte der Ort zu Ungarn.Schemnitz, eine der sieben oberungarischen Bergstädte, liegt terrassenförmig in einem Talschluß im Slowakischen Erzgebirge, abseits aller Verkehrsströme, etwa 260 Straßenkilometer östlich von Wien. Römische und keltische Münzen wurden hier gefunden, und bereits im 11. Jahrhundert ist der Tagbergbau nach Gold, Silber, Kupfer und Blei nachweisbar. Nach der Zerstörung durch die Tartaren, 1241, wurden deutsche Bergleute geholt, die den Bergbau unter Tag einführten, der älteste erhaltene ist der Biberstollen (!). Das 1217 kodifizierte Schemnitzer Bergrecht, war richtungsweisend für ganz Ungarn und Schemnitz besitzt auch das älteste ungarische Stadtwappen.


Der Bergbau war ein königliches Privileg. Es wurde vom Oberstkammergrafenamt verwaltet, das die einzelnen Schürfrechte verpachtete. So waren auch die Fugger einige Zeit am Schemnitzer Bergbau beteiligt. 1627 wurde hier erstmals in der Geschichte des Bergbaues unter Tag mit Schießpulver gesprengt, und schon 1782, noch früher als in England, eine Dampfmaschine zur Entwässerung der Stollen eingesetzt. Das Wasser wurde in zu diesem Zweck angelegte Teiche abgepumpt,, von denen heute noch 24 erhalten sind, die nun vor allem Erholungs- und Freizeitzwecken dienen. Später wurde dann ein 15 km langer Kanal angelegt. Natürlich erforderte der Bergbau auch entsprechend ausgebildete Bergleute, und so entstand schließlich an Stelle der Ausbildung in den einzelnen Gruben 1735 eine unabhängige Bergschule. Nach nur einjähriger Vorbereitungszeit ging aus ihr die neu geschaffene Höhere Bergwesen-Lehranstalt hervor, die am 1.9.1764 den Betrieb aufnehmen konnte.

 

1770 erfolgte die Erhebung zur Bergakademie und die gleichzeitige Auflösung aller anderen noch bestehenden privaten Lehranstalten. Eine 1762 an der Universität Prag eingerichtete Lehrkanzel für Bergwirtschaft wurde 1772 hierher verlegt. Schemnitz gilt damit als die älteste Berbauakademie der Welt und Maria Theresia als ihre Schöpferin. Der Unterricht fand in deutscher Sprache in diversen Bürgerhäusern oder öffentlichen Gebäuden statt, von denen 11 heute noch stehen.


Die Akademie hatte Lehrkanzeln und das Studium dauerte 3 Jahre. Der Unterricht war streng reglementiert, z.B. war nach 21.00 Uhr der Aufenthalt in Kaffeehäusern verboten (ausgenommen im Fasching „an den öffentlichen Erlustigungstagen”) ebenso wie das Schuldenmachen und eine Verehelichung. Die Studenten „Eleven” oder „Bergzöglinge” genannt, trugen eine eigene schwarze Uniform. Sie wurden von den einzelnen Bergämtern in Ungarn zur Ausbildung hierher geschickt, wofür sie ein Stipendium erhielten und nachher den Anspruch auf eine Anstellung hatten. Daneben war es auch möglich, „privater Zuhörer” zu sein (auch ohne Prüfungen ablegen zu müssen) oder unentgeltlicher Praktikant d.h. ohne Stipendium und ohne Anstellungsanspruch. Vereine durften nur mit Zustimmung der Akademie gebildet werden, der erste offizielle war 1820 ein ungarischer Leseverein.


Die Akademie wurde schrittweise auf- und ausgebaut, 1807 eine Lehrkanzel für Forstwirtschaft eingerichtet und später auch Logik, Mathematik und Physik sowie kaufmännische Fächer unterrichtet. 1846 erfolgte eine Reorganisation zur Berg- und Forstakademie mit 6 Lehrkanzeln und 4 jähriger Studiendauer, es gab über 300 Studenten.

 

Die Revolution von 1848 hatte in Ungarn neben den sozialen auch sehr nationale Züge. Dies hatte zur Folge, daß die Studenten Schemnitz verließen und die Akademie für 2 Jahre geschlossen werden mußte. 19 deutschsprachige Studenten gingen nach Vordernberg in die Steiermark, wo es bereits die 1840 gegründete ständische Montan-Lehranstalt gab, die 1849 nach Leoben verlegt wurde und aus der die heutige Montan-Universität hervorgegangen ist. Für die böhmischen und slowakischen Studenten wurde 1849 in Pribram (etwa in der Mitte zwischen Prag und Pilsen gelegen) eine neue Bergakademie gegründet. (Sie wurde nach 1945 nach Mährisch Ostrau verlegt und besteht daher heute auch nicht mehr.)


Als die Akademie in Schemnitz 1850 wiedereröffnet wurde, kamen nur mehr 84 Zöglinge, und obwohl in der Folge auch Maschinenbau in den Lehrplan aufgenommen wurde, fand sie nie mehr zu ihrer früheren Bedeutung zurück. Als Folge des staatsrechtlichen Ausgleiches zwischen Österreich und Ungarn wurde ab 1869 in nur zwei Jahren die deutsche Unterrichtssprache vollkommen durch die ungarische ersetzt, was sich natürlich auf die Zahl der Studenten auswirkte. Zwischen 1770 und 1870 zählte man genau 5.373 Bergstudenten in Schemnitz.


Erst 1892 wurde mit dem Bau eines eigenen staatlichen Gebäudes für die Fakultät für Forstwesen begonnen und 1898 daneben mit einem noch größeren Bau für die Bergbau- und Hüttenfakultät, und dazu kam 1911 noch ein Laborgebäude, und rundherum wurde ein (heute sehr verwilderter) botanischer Garten angelegt. Doch auch diese Investitionen konnten den Niedergang nicht mehr aufhalten. Der Bergbau wurde als nicht mehr rentabel eingestellt, der neue tschechoslowakische Staat hatte offenbar kein Interesse an einer zweiten Bergakademie (er hatte ja schon eine), und Ungarn verlor seine Bergbaugebiete und hatte nur die Forstfakultät sozusagen mitgenommen und in Sopron/Ödenburg angesiedelt, wo sie auch heute noch besteht. Die Akademie in Schemnitz wurde 1919 geschlossen.


Den Höhepunkt erreichte die Produktion um 1740 mit 600 kg Gold und 23000 kg Silber jährlich. 1895 waren es nurmehr 116 bzw 6000 kg. 1895 zählte Schemnitz laut Brockhaus 15247 Einwohner (davon 2534 Ungarn und 1186 Deutsche) und hatte alle Attribute einer Bezirksstadt und dazu noch eine Zigarren-, Tonpfeifen und Schuhfabrik. Mit dem Ende der Akademie versank Schemnitz in einem Dornröschenschlaf, die Einwohnerzahl sank auf die Hälfte und beträgt auch heute trotz neuer Siedlungen nur 10000. Die Altstadt mit ihren zahlreichen Baudenkmälern von der Gotik bis zum Barock wurde 1993 zum UNESCO Weltkulturerbe erlärt, aber neben schön renovierten Gebäuden und drei mittelalterlichen Stolleneingängen gibt es auch noch ausgesprochene Ruinen mitten in der Stadt. Die Akademiegebäude dienen heute Schulen. Die Erinnerung an die Bergbautradition lebt neben den vorhandenen Gebäuden noch im Museum und in dem dreitägigen „Salamander”-Fest anfangs September fort.

 

Das gesellschaftliche Leben wurde von den Zünften beherrscht, und daher organisierten sich auch die Studenten nach diesem Vorbild in der „Schachtgesellschaft”. Vor der Aufnahme hießen sie Kamele, die Mitglieder waren dann nach Jahrgängen Füchse, Kohlenbrenner, Veteranen und Veteranissimi. Die Amtsträger wurden jährlich am Beginn des Studienjahres gewählt. Damit verbunden war ein Umzug und ein Festgelage. Die Füchse wurden mit Bier und einem Wasserbottich getauft und absolvierten dann den Fuchsensprung über das „Arschleder” - im alljährlichen Ledersprung in Leoben lebt diese Sitte ungebrochen fort. Anschliessend mußten sie mit allen Anwesenden Schmollis trinken. Jeden Samstag war „Schachttag”. Die Bergmannskleidung der Studenten hieß so wie heute in Leoben „Biberstollen” (den die Chargen anstelle eines Flauses tragen), im Gegensatz zum einfachen „Bergkittel”. Forststudenten wurden nicht aufgenommen, was ständig zu Spannungen führte. Der Schacht wurde deshalb 1877, behördlich aufgelöst, der Fuchsensprung ist ist aber trotzdem noch bis 1899 nachweisbar.

Ein besonderes Ereignis war auch die erste „Anfahrt”, d.h. die ersten Schritte unter Tag, traditionell vollzogen im heute noch vorhandenen Glanzenbergstollen. Dem ging ein feierlicher Umzug voraus, bei dem alle brennende Grubenlampen trugen. Dieser Zug schwarz gekleideter Männer mit hellen (Licht) Flecken glich einem Salamander, und daher wurde das Fest bald „Salamander” genannt. Mit der Auflösung der Akademie erlosch diese Tradition. Erst 1935 organisierte die staatl. Bergdirektion als Erinnerung einen Salamanderumzug, bei dem ehemalige Absolventen einen besonderen Ehrenplatz einnahmen. Seither wird dieser Brauch (auch in der kommunistischen Zeit) bis heute wieder gepflegt.

 

Starb ein Student oder Professor, so fand das Begräbnis stets gegen Abend statt, alle im Leichenzug, dem „Trauersalamander”, trugen eine brennende Grubenlampe. Dann begaben sich alle in ein Gasthaus. „Auf den ungedeckten Tischen war für jeden Akademiker ein Glas Bier vorbereitet. Zu jedem stelle sich ein Akademiker. An diesem Abend hat jeder gegessen. Die Flammen in den Grubenlampen wurden gelöscht und auf den Wink des ältesten Akademikers tranken alle das Glas Bier, das vor ihnen stand. Dann begann der älteste Akademiker mit dem leeren Glas auf den Tisch zu klopfen. Nach ihm schlossen sich auch die übrigen hintereinander im Rhythmus von zwei langen und drei kurzen Schlägen an, bis endlich alle Beteiligten klopften. Nach diesem Klopfen begannen die Teilnehmer auf einen Wink des ältesten Akademikers nacheinander die unteren Ränder der Gläser auf dem Tisch zu reiben. Als es auch der Letzte getan hatte, zerbrachen alle die leeren Gläser und behielten nur den Henkel. Immer wenn sie diesen Henkel ansahen, erinnerten sie sich an den traurigen Abend. Das ganze Zeremoniell wurde damit beendet und alle gingen nach Hause.”

 

Am Ende des letzten Studienjahres wurden die Absolventen zum „Valete” von den anderen auf den Schultern getragen, genau so wie heute bei der Philistrierung in Leoben, und sie erhielten zur Erinnerung einen „Valetebogen” mit den Unterschriftern aller anderen.

 

Die große studentengeschichtliche Bedeutung von Schemnitz liegt darin, daß hier die erste Bergakademie gegründet wurde, daß sich hier das montanstudentische Brauchtum entwickelte, das durch Studenten aus Schemnitz mitgebracht wurde, und daß hier die Wurzeln des Leobener Korporationswesens liegen.

 

Quelle: AH Kaller II hat uns diesen Artikel für das (Speculum WS 99/00 ) zugesandt, den der Verfasser, Hr. Dr. Peter Krause, Wien, aus der Zeitung der österreichischen Studentenhistoriker „Ada studentica” freundlicherweise zum Nachdruck hinterlassen hat.

 



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